10. Dezember 2021

Frau Kirchner schickt uns folgende Weihnachtsgeschichte:

Die Apfelsine des Waisenknaben | nach Charles Dickens

Früher herrschten in einem Waisenhaus harte Sitten. Als es wieder einmal Weihnachten
wurde, erlebte ein Junge aber echte Kameradschaft. Von Charles Dickens ist folgende
Geschichte überliefert:

Schon als kleiner Junge hatte ich meine Eltern verloren und kam mit neun Jahren in ein
Waisenhaus in der Nähe von London. Es war mehr ein Gefängnis. Wir mussten vierzehn
Stunden am Tage arbeiten – im Garten, in der Küche, im Stall, auf dem Felde. Kein Tag
brachte eine Abwechslung, und im ganzen Jahr gab es für uns nur einen einzigen
Ruhetag: Das war der Weihnachtstag. Dann bekam jeder Junge eine Apfelsine zum
Christfest. Das war alles. Keine Süßigkeiten, kein Spielzeug. Aber auch diese eine
Apfelsine bekam nur derjenige, der sich im Laufe des Jahres nichts hatte zuschulden
kommen lassen und immer folgsam war. Diese Apfelsine an Weihnachten verkörperte
die Sehnsucht eines ganzen Jahres.

So war wieder einmal das Christfest herangekommen. Für mein Knabenherz bedeutete
es aber fast das Ende der Welt. Während die anderen Jungen am Waisenhausvater
vorbei schritten und jeder seine Apfelsine in Empfang nahm, musste ich in einer
Zimmerecke stehen und zusehen. Das war meine Strafe dafür, dass ich im Sommer
eines Tages hatte aus dem Waisenhaus weglaufen wollen. Als die Geschenksverteilung
vorüber war, durften die anderen Knaben im Hofe spielen. Ich aber musste in den
Schlafraum gehen und dort den ganzen Tag über im Bett liegen bleiben. Ich war tief
traurig und beschämt. Ich weinte bitterlich und wollte nicht länger leben.
Nach einer Weile hörte ich Schritte im Zimmer. Eine Hand zog die Bettdecke weg,
unter die ich mich verkrochen hatte. Ich blickte auf. Ein kleiner Junge namens William
stand vor meinem Bett, hatte eine Apfelsine in der rechten Hand und hielt sie mir
entgegen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Wo sollte eine überzählige Apfelsine
hergekommen sein? Ich sah abwechselnd auf William und auf die Frucht und fühlte
dumpf in mir, dass es mit dieser Apfelsine eine besondere Bewandtnis haben musste.
Auf einmal bemerkte ich, dass die Apfelsine bereits geschält war – und als ich näher
hinblickte, wurde mir alles klar. Tränen traten in meine Augen. Als ich die Hand
ausstreckte, um die Frucht entgegen zu nehmen, da wusste ich, dass ich fest zupacken
musste, damit sie nicht auseinanderfiel.

Was war geschehen? Zehn Knaben hatten sich im Hof zusammengetan und
beschlossen, dass auch ich zu Weihnachten meine Apfelsine haben müsse. So hatte
jeder die seine geschält und eine Scheibe abgetrennt. Die zehn abgetrennten Scheiben
hatten sie sorgfältig zu einer neuen, schönen und runden Apfelsine zusammengesetzt.
Diese Apfelsine war das schönste Weihnachtsgeschenk in meinem Leben. Sie zeigte
mir, wie trostvoll echte Kameradschaft sein kann.